Kurz vor Zwölf – Nippon Connection Festival 2012 in Frankfurt

Redaktion Bembeltown | Vom 2. bis 6. Mai 2012 zeigt Nippon Connection in Frankfurt am Main zum zwölften Mal das ganze Spektrum des aktuellen japanischen Films. Ob Blockbuster oder Independentfilm, Animation oder Dokumentarfilm: Zahlreiche Werke werden in Frankfurt als Premieren von den Filmschaffenden persönlich präsentiert. Rund 16.000 Zuschauer erwartet das weltweit größte Festival für japanisches Kino, das neben dem einzigartigen Filmprogramm bei Workshops, Vorträgen, Diskussionen und vielem mehr zum Eintauchen in die Kultur Japans einlädt.

Ein Schwerpunkt des Festivals wird dieses Jahr die aktuelle Auseinandersetzung von Filmemachern mit der Tsunami- und Nuklearkatastrophe vom März 2011 sein, die sowohl das kulturelle Leben in Japan wie auch den Blick auf dieses faszinierende Land geprägt hat. Expliziten Bezug zu den Folgen der Katastrophe nimmt etwa Yoju MATSUBAYASHIs FUKUSHIMA: MEMORIES OF A LOST LANDSCAPE. Unmittelbar nach den Ereignissen dokumentierte er die Situation in der Evakuierungszone und die Schicksale der Anwohner. Der Fukushima-Schwerpunkt wird durch Vorträge in Zusammenarbeit mit der Japanologie Frankfurt sowie durch eine Ausstellung und eine Podiumsdiskussion vertieft.

Obwohl sich ein Jahr nach der Dreifachkatastrophe vom 11. März 2011 viele japanische Filmproduktionen mit Problemen konfrontiert sahen, kann Nippon Connection auf eine in Vielfalt wie Qualität außergewöhnliche Jahresproduktion japanischer Filme zurückgreifen. Vor allem etablierte Regisseure erregten neue Aufmerksamkeit: Kultregisseur Shinya TSUKAMOTO (TETSUO) erzählt in KOTOKO von einer alleinerziehenden Mutter, die von Wahnvorstellungen geplagt um die Erziehung ihres kleinen Sohnes kämpft. Der Film wurde in Venedig bereits mit dem Orizzonti-Preis ausgezeichnet. Nachdem Shuichi OKITA bei Nippon Connection schon 2010 mit dem Eröffnungsfilm THE CHEF OF SOUTH POLAR begeisterte, überzeugt 2012 seine starbesetzte Komödie THE WOODSMAN AND THE RAIN. Der in den Bergen wohnende Holzfäller Katsuo, gespielt von Koji YAKUSHO (SHALL WE DANCE, BABEL), wird von einer Filmcrew überrascht, die in seinem Wald einen Zombie-Film drehen will.

Auch Kultregisseur Takashi MIIKE ist wieder im Programm vertreten: Mit dem grandios erzählten Drama HARA-KIRI: DEATH OF A SAMURAI, der 2011 im Wettbewerb in Cannes lief, liefert er ein hervorragendes Remake des gleichnamigen Samurai-Klassikers von Masaki KOBAYASHI. Nobuhiro YAMASHITA schlägt in seinem neuen Film MY BACK PAGE politische Töne an und betrachtet die studentische Protestbewegung in Japan zwischen 1968 und 1972. Toshiaki TOYODA, einer der talentiertesten Autorenfilmer Japans, porträtiert in seinem ausdrucksstarken Drama MONSTER’S CLUB einen Einzelgänger, der sich autark in einer Waldhütte versorgt und Briefbomben an Großindustrielle verschickt. Inspiriert wurde TOYODA von dem Manifest des Unabombers Theodore Kaczynski.

In Bezug auf die wachsende Protestbewegung nach dem 11.3.2011 in Japan trägt die diesjährige Retrospektive im Kino im Deutschen Filmmuseum den Titel „Visual Resistance: Protest-Kultur im japanischen Dokumentarfilm”. NIPPON RETRO blickt in die Vergangenheit und stellt die Frage, wie weit Dokumentarfilm reicht und wann Bilder an sich politisch werden. Mit A SUMMER IN NARITA (1968) von Shinsuke OGAWA und MINAMATA – THE VICTIMS AND THEIR WORLD (1971) von Noriaki TSUCHIMOTO werden Werke von zwei der wichtigsten japanischen Dokumentarfilmer und Begleiter der Protestbewegungen der 1960er und 1970er Jahre zu sehen sein. Besondere Intensität entfalten die Zeitdokumente von Experimentalfilmer Motoharu JONOUCHI, die damalige Studentenproteste von innen heraus zeigen. Einige der Dokumentarfilme, wie UNDERGROUND SQUARE von Keiya OUCHIDA, werden erstmals untertitelt vorgeführt.

Beim diesjährigen Festival konkurrieren die Filme in drei Wettbewerben: Der vom Bankhaus Metzler gestiftete NIPPON CINEMA AWARD wird zum achten Mal an den Publikumsliebling unter den Premieren der Programmsektion Nippon Cinema verliehen (Preisgeld 2.000 Euro). Die Japan Visualmedia Translation Academy aus Tokio (JVTA) stiftet zum dritten Mal den NIPPON VISIONS AWARD, der von einer internationalen Fachjury an einen Nachwuchsregisseur vergeben wird. Der Gewinner erhält eine kostenlose Untertitelung für seinen nächsten Film. Neu beim Festival 2012 ist der VGF NIPPON IN MOTION AWARD: Er zeichnet in Zusammenarbeit mit der Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) Kurzfilme unter zwölf Sekunden zum Thema „Nippon in Motion“ aus. Welche drei Spots ab dem 18.4. auf den Infoscreens der Firma Ströer der Frankfurter U-Bahn Stationen zu sehen sein werden, kann vom 5.3. bis 31.3.2012 unter www.nipponconnection.com  abgestimmt werden. Der erstplatzierte Film erhält beim Festival ein Preisgeld in Höhe von 250 €.

Während des Festivals wird zudem der „16th Annual Movie Subtitling Contest“ von JVTA vorgestellt, der am 16.3.2012 startet (weitere Infos: www.alc.co.jp/jimaku). Dabei muss ein Ausschnitt eines aktuellen Films des Nippon Connection Festivals untertitelt werden. Vor der Auszeichnung des Gewinners im Juni werden beim Festival erste Ergebnisse im Rahmen eines Workshops mit Übersetzer, Produzent und Schauspieler Christian Storms diskutiert.

Nicht nur im Filmprogramm eröffnet Nippon Connection vielfältige Perspektiven auf Japan und seine Menschen. Bei NIPPON CULTURE kann man Japan mit allen Sinnen erleben und entdecken: In einer Live-Lesung präsentiert Underground-Ikone Jörg Buttgereit mit einem Schauspieler-Ensemble sein neues Hörspiel „Die Bestie von Fukushima“, das zum ersten Mal in Deutschland auf einer Bühne inszeniert wird. Ein weiteres Highlight werden die Besucher während des gesamten Festivals bestaunen können: Die Performancekünstlerin Kodama KOZUE wird bei einem fünftägigen Live-Painting-Event ein großes Gemälde direkt im Festivalzentrum entstehen lassen.

Neben Vorträgen, u. a. über japanischen Animationsfilm und Gegenwartskunst, werden zahlreiche Workshops und Vorführungen angeboten. Mit einer Rakugo-Performance stellt Till Weingärtner eine traditionelle japanische Version der anspruchsvollen Stand-Up-Comedy vor. Dafür wurde er bereits in Japan ausgezeichnet. Wie jedes Jahr garantieren Partys, Konzerte, Karaoke-Bar und Spielhölle gute Unterhaltung und lange Festivalnächte. Shiatsu-Massagen bieten Entspannung, und auch Genießer japanischer Esskultur kommen auf ihre Kosten.

Neben den klassischen Programmsektionen wird dieses Jahr NIPPON KIDS weiter ausgebaut. In einem Kochkurs können Kinder von 6 bis 12 Jahren erfahren, welches Essen japanische Kinder in sogenannten Bento-Boxen mit in die Schule nehmen. Die Kinderbetreuung bietet Workshops an, in denen der Nachwuchs Origami ausprobieren oder einen eigenen Animationsfilm erstellen kann. Natürlich erwartet die Kleinen auch wieder ein eigens zusammengestelltes Filmprogramm.

Das Nippon Connection Festival steht unter der Schirmherrschaft von Eva Kühne-Hörmann, Hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Dr. Matthias Lutz-Bachmann, Vizepräsident der Goethe Universität Frankfurt und dem Japanischen Generalkonsulat in Frankfurt. Das Festival wird in ehrenamtlicher Arbeit vom 50-köpfigen Team des gemeinnützigen Vereins Nippon Connection e.V. organisiert.

Das komplette Programm des zwölften japanischen Filmfestivals Nippon Connection wird Ende März auf der Homepage www.nipponconnection.com bekanntgegeben.


Veranstaltungsorte:
Studierendenhaus auf dem Campus der Goethe Universität, Jügelstr. 1, Frankfurt am Main
Kino Orfeos Erben, Hamburger Allee 45, Frankfurt am Main
Kino im Deutschen Filmmuseum, Schaumainkai 41, Frankfurt am Main
AusstellungsHalle 1A, Schulstraße 1a, Frankfurt am Main
Kunstraum Westend, Beethovenstr. 35, Frankfurt am Main

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